Fabrik - Blumen - Kultur

Wo sich heute der Stadtpark mit seinem See als neue Oase inmitten Norderstedts präsentiert, wurde bis 1988 Sand für die Produktion von Kalksandsteinen abgebaut. Dadurch entstand ein 25 Hektar großer Baggersee, der heute als Stadtparksee zu den Attraktionen des Norderstedter Stadtparks gehört. Im ehemaligen Kalksandsteinwerk der Firma Potenberg wurde der Sand zu Kalksandsteinen verarbeitet und im gesamten norddeutschen Raum für Haus- und Gewerbebauten verwendet.

Der kernsanierte Industriebau verbindet den urbanen Raum mit dem neu angelegten Norderstedter Stadtpark. Dies verkörpert eine auf dem Balkon an der Westseite des Gebäudes wachsende Bergkiefer - dort, wo der abgebaute Sand auf Förderbändern direkt in die Werkhalle des ehemaligen Kalksandsteinwerks transportiert wurde.

1962 bis 1988 - Das Kalksandsteinwerk am Falkenberg Franz Potenberg KG

Bereits 45 Jahre vor der Gründung der Stadt Norderstedt bringt der gelernte Maurer Franz Potenberg (1895-1975) die Industrialisierung an die Ulzburger Straße. 1925 gründet er zusammen mit der Firma H. E. August die „Kalksandsteinwerk am Falkenberg Franz Potenberg KG“. Trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten werden jährlich 20 Millionen Steine produziert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Bedarf an Baumaterial immens, das alte Werk wird wieder errichtet. Die Kapazität reicht jedoch bald nicht mehr aus, so dass 1962 am Ende der Stormarnstraße ein zweites Werk gebaut wird. 33 Mitarbeiter können hier nun 50 Millionen Steine im Jahr herstellen. Das Werk an der Ulzburger Straße wird 1966 stillgelegt. Vollautomatisiert wird der Sand direkt aus der so genannten Potenbergschen Kuhle, dem heutigen Stadtpark-See, über ein Förderband zum Mischen und Pressen in die große Halle transportiert. Auf Loren gelangen die Rohlinge dann in die neun Autoklaven (Steinhärtekessel) und werden unter Sattdampfdruck bei über 200° Celsius gehärtet. Auf der Freifläche neben dem Werk lagern die Kalksandsteine und warten auf ihre Verladung. Im Dezember 1988 ist nach 26 Jahren das Kalksandvorkommen ausgebeutet und das Werk wird geschlossen.

Der Dornröschenschlaf der Industrieruine währt bis 2006, als in Norderstedt die Idee des Kulturwerks am See entsteht und die Stadt das Gebäude und das Gelände erwirbt.

2009 bis 2011 - Sanierung und Umbau

Das Kalksandsteinwerk steht fast 20 Jahre leer und verfällt, als Norderstedt im Dezember 2004 den Zuschlag für die Landesgartenschau 2011 erhält. Im Zuge der Planungen erwirbt die Stadt Norderstedt im Juli 2006 das Gelände und die Gebäude von der Firma Potenberg. Zur gleichen Zeit wird die Idee des Kulturwerks am See geboren und die Stadtvertretung beschließt, die Werksruine zu einem Kulturzentrum umzubauen.

Im November 2009 beginnen die umfangreichen Sanierungs- und Ausbaumaßnahmen. Die Herausforderung besteht darin, die räumlichen Strukturen und den industriellen Charakter des Werks zu erhalten. Dafür wird die Fassade mit Kalksandsteinen zum Teil neu verblendet. Die Tore, durch die die Loren auf den Lager- und Verlade-Platz geschoben wurden, werden durch große Fenster ersetzt. Das neue Foyer wird verlängert und bindet so den Musikschulneubau an das Kulturwerk am See an. So entsteht ein markantes Gebäudeensemble, das vor dem Hintergrund des Stadtparks Kunst, Natur und Industriegeschichte miteinander verknüpft. Auch technisch bietet das ehemalige Kalksandsteinwerk Vorteile: Das Belüftungssystem arbeitet im Sommer mit einem Tiefwasserbrunnen zur Luftkühlung und im Winter kann mit Erdwärme geheizt werden. Auf diese Weise entsteht ein neuer, nachhaltiger Kulturraum in Norderstedt.

April bis Oktober 2011 - Das Blütenwerk auf der Landesgartenschau

Die heute realisierte Nutzung des Kulturwerks am See für Musik, Theater und Kunst inspirierte die floralen Komponisten der Landesgartenschau zu einer blütenreichen Inszenierung. Vom 21. April bis 9. Oktober 2011 schlüpfte das Kulturwerk wie ein Künstler für 172 Tage in die Rolle des Blütenwerks.

Als Vorlage dienten Opern, Operetten und musikalische Komödien großer Komponisten. Das jeweilige Thema und die Atmosphäre wurden auf 300 Quadratmetern Pflanzfläche blütenreich umgesetzt. Die Elemente jedes großen Festspielhauses – Foyer, Bar, Bühne, Parkett und Garderobe – bildeten die Spielorte für die zwölf Blütenschauspiele. So wurden die Besucher im Foyer auf einem immerroten Blumenteppich empfangen. Darauf präsentierten sich in großen Glaszylindern außergewöhnliche Kostbarkeiten der Pflanzenwelt, die V.I.P.s, die Very Important Plants. Geradezu berauschende Wirkung verbreitete die Pflanzbar, der mit 23 Metern längste Tresen Norderstedts. Die Besucher mischten sich im Theatersaal unter den Chor, die Solisten und das Publikum aus Pflanzen und Blüten. In der Garderobe erhaschten sie schließlich einen Blick auf die sich in Spiegeln reflektierenden Blütenschönheiten.

Mit 20 vielfältigen Veranstaltungen wurde das Kulturwerk am See vom 17. März bis 1. April 2012 eröffnet.